Kriminalgeschichten

Woher der Wind weht …

Der Tag begann wie jeder andere. Die Vögel zwitscherten Sommer. Der Himmel streckte und dehnte sich morgenblau bis zum Horizont und neigte sich dann sanft herab um zart die Erde zu küssen. Seine Lippen wurden feucht vom Tau.
Ende des romantischen Teils.
Im Garten tockte ein Specht Morsezeichen in den alten Birnbaum. Morsezeichen, die ich nicht verstand. Vielleicht war es eine Warnung. Aber wer weiß das zu sagen. Und hätte es etwas geändert? Hätte ich auf diese Warnung gehört, wenn ich sie denn verstanden hätte? Unwahrscheinlich.
So ging ich gänzlich unbedarft in meinen Tag und einer alten Gärtnerweisheit folgend, als Erstes in den Garten. Denn dieser will seinen Gärtner einmal am Tag sehen. Also ließ ich mich sehen. Wie jeden Tag. Ich roch an einer Rose, pflückte ein paar Pfefferminzblätter für die Wasserkaraffe, zupfte im Vorbeigehen Vogelmiere aus dem Salatbeet und wäre fast in die Harke getreten, die ich am Vortag liegen gelassen hatte.  „Wie unachtsam!“, schalte ich mich selbst, wich der Harke aus und stolperte rückwärts gegen die Regentonne. Mich festhalten wollend ließ ich die Pfefferminze fallen und platschte mit der rechten Hand ins Regenwasser. Die Vogelmiere, Botanikern als Stellaria media bekannt, hielt ich immer noch fest in der linken Hand. Unflätige Worte von mir gebend, sie seien mir wegen der frühen Stunde verziehen und ich werde sie hier auch nicht wiederholen, brachte ich mich wieder ins Gleichgewicht. Ich bückte mich nach der Abdeckung der Regentonne, die leichtsinnigerweise neben der Tonne lag. Einer enorm dickbauchigen Tonne. Ich richtete mich auf, das gesammelte Regenwasser abdecken wollend und erstarrte – den Deckel in der Schwebe haltend.  Denn aus dem gesammelten Regenwasser in der Tonne ragte mir eine Hand entgegen. Bleich, seltsam schlaff, abgewinkelt. Ich blickte auf diese Hand. Es dauerte einen Moment bis ich begriff was ich da sah. Ich erkannte diese Hand und machte – nichts. Starrte nur weiter auf die Hand, den beringten Ringfinger, dann auf das Handgelenk, folgte dem dazugehörigen Arm unter die Wasseroberfläche, erkannte Haare, einige wenige, einen Rumpf und weitere Körperteile, seltsam verbogen. „Hilfe!“ hörte ich mich hauchen. Und noch einmal „Hilfe!“. Aber das war noch nicht einmal mehr gehaucht. Dann legte ich den Deckel auf die Tonne.  Nahezu geräuschlos. Ging ins Haus. Füllte den Teekessel mit Wasser. Brachte selbiges zum Kochen. Griff nach der Teedose, einer blechernen, abgegriffenen. Löffelte die  gewelkten, gerollten, fermentierten, sortierten Assamblätter in ein Teesieb.  Brühte mit kochendem Wasser auf und atmete das aufsteigende Aroma ein. Stark und schwarz. Ich trank ihn sehr süß. Eigentlich trank ich ihn immer sehr süß, aber heute rechtfertigte ich den vielen Zucker mit dem Schock, unter dem ich stand. Aber stand ich unter einem Schock? Ein Kribbeln, ja ein Kribbeln durchlief meinen Körper. Aber war es nicht eher freudig? Ich merkte wie sich ein Lächeln über mein Gesicht breitete. Selig möchte ich es fast nennen.

Fortsetzung folgt (vielleicht!)